50 Jahre Kunst und Spiel

hier können Sie etwas über die Geschichte von Kunst und Spiel erfahren - wie der Laden früher aussah und vor allem - wie es zu der Gründung kam:

50 Jahre Kunst und Spiel - Wie es zu der Gründung kam

Aus einem Interview mit Michael Peter

Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 9./10.09.2006

 


50 Jahre Kunst und Spiel

Kunst und Spiel feiert 2006 sein 50-jähriges Jubiläum, was für uns Anlass ist zurückzublicken und uns den Impuls, aus dem unser Geschäft hervorgegangen ist und dem wir uns bis heute verpflichtet fühlen, noch einmal bewusst vor Augen zu führen.

Als Michael Peter sich 1956, erst 30jährig, aus gesundheitlichen Gründen am Ende seiner Musikerkarriere sah, entstand in ihm der Wunsch, auf ganz neue Weise für das Schöne in der Welt, für die Vermittlung von Kunst tätig zu werden. Ihm stand die Idee vor Augen, eine qualitativ hochwertige, breite Produktpalette zum Verkauf anzubieten, die von Spielzeug, Schmuck, Kristallen, Kerzen, Leiern und kunsthandwerklichen Artikeln bis hin zu Kunstpostkarten, Kunstdrucken und Büchern reichen sollte.

So eröffnete er im Frühjahr des selben Jahres im dritten Stock einer Altbauwohnung in de r schwabinger Georgenstraße „Michael Peters Ausstellungs- und Verkaufsraum“.

Die Gründung des Unternehmens war im damaligen Kontext durchaus ein Wagnis, denn die Zeiten standen einem solchen Impuls diametral entgegen – wer sich der modernen Nachkriegszeit hingab, dem galten Baumwoll- und Wolltextilien als unpraktisch und veraltet, der stürzte sich auf Malbücher und vorgefertigte Bastelschablonen, kaufte Comics für seine Kinder und orientierte sich am Spielwarenmarkt, der von amerikanischen Kunststoffprodukten dominiert wurde. Zunächst fand Michael Peter sein Publikum im Kreise der Münchner Waldorfschule, unter Anthroposophen und der Gemeinde der Christengemeinschaft. Doch schon bald erweiterte sich der Kundenstamm weit darüber hinaus, so dass er 1959 den Laden in der Leopoldstraße 48 beziehen konnte, der bis heute Sitz unseres Geschäftes ist. Damals umfasste es den Verkaufsraum im Erdgeschoss und einen Raum im ersten Stock, in dem Ausstellungen stattfanden. Der ursprüngliche Wunsch, regelmäßig Kunstausstellungen zu veranstalten und Künstler zu fördern, konnte allerdings aus wirtschaftlichen und personellen Gründen nicht realisiert werden. So wurde der obere Raum schon bald ganz dem Bereich Spielzeug gewidmet und 1962 kam ein weiterer Raum für eine Bastelabteilung hinzu.

Der Name Kunst und Spiel wurde eines Nachts geboren, als Michael Peter neben dem Verpacken von Versandware, noch eilig eine Anzeige für eine Zeitschrift verfasste. Erst als er die Worte „Kunst und Spiel“ später selbst in der gedruckten Anzeige las, wurde ihm klar, dass dies der Name war, der seiner Arbeit gerecht werden würde. Denn seinem Impuls lag ja das Ansinnen zugrunde, die Kunst und das Spiel als die Bereiche zu fördern, in denen der Mensch – ganz im Sinne Schillers - sein eigentliches schöpferisches Potential entfaltet, wo er ganz Mensch ist.

Bei der zentralen Rolle, die gerade die Förderung des Kinderspiels für Michael Peter einnahm, verwundert es nicht, dass er Walter Roggenkamp für das Design des Firmenlogos bat, spielende Kinder darin aufzunehmen. So entstand das Reiterchen mit dem Schriftzug von Kunst und Spiel, das bis heute das Markenzeichen für unser Unternehmen ist.

Durch sein persönliches Engagement für den Wiederaufbau von Spielzeugfirmen, die sich der Idee von Waldorfspielzeug verbunden fühlten und durch sein Bekanntmachen von guten Spielzeugfirmen generell, hat Michael Peter und damit Kunst und Spiel im Nachkriegsdeutschland für den Erhalt von pädagogisch wertvollem Spielzeug viel geleistet. Er ermutigte Firmen wie Ostheimer und Kraul Spielzeug nicht nur, die Produktion wieder aufzunehmen bzw. weiter zu machen, sondern er half ihnen über manche Durststrecke hinweg und unterstützte sie aktiv, bis eine breitere Produktion in Gang kam. Das eigene kreative Potential in der Spielzeugabteilung von Kunst und Spiel schlug sich darin nieder, dass die Herstellung einiger Produkte, wie etwa der Kalender zum Selbstgestalten oder des Bilderlottos der Berufe konkret angeregt wurde. Es war Michael Peter stets wichtig, nicht nur seine Verantwortung gegenüber den Ladenkunden ernst zu nehmen, sondern auch gegenüber den Firmen, die ihn belieferten. Dies mag ein Indiz dafür sein, dass er seine Aufgabe in einem größeren sozialen Kontext betrachtete, ein Ideal vor Augen hatte und nicht vorrangig vom Kommerzgedanken geleitet wurde.

Da die Zusammenstellung des Warensortiments von Kunst und Spiel damals in Deutschland einzigartig war, bereiste Michael Peter anfangs mit seinem VW-Bus zahlreiche Städte, stellte in Schulen seine Kollektion aus und betrieb von München aus einen Versandhandel, den er bis Mitte der 60er Jahre neben dem Ladengeschäft her aufrecht erhielt. 1976 wurde eine neue Kunst und Spiel-Versandabteilung in der Hohenzollernstraße in Schwabing gegründet, die bis 1998 bestand. Der Versandkatalog von Kunst und Spiel war über all diese Jahre hinweg ein weithin genutztes Referenzwerk für hochwertige Spielwaren und er diente so manchem späteren Katalog als Vorbild.

Nicht nur durch den Versandhandel strahlte der Impuls von Kunst und Spiel über München hinaus aus. Als in den 80er Jahren die Ökobewegung in Gang kam, entstanden vielerorts Naturwaren- und Holzspielzeugläden, die sich an dem Konzept von Kunst und Spiel orientierten und denen Michael Peter bei ihrer Gründung mit Rat und Tat zur Seite stand.

Anfang der 70er Jahre konnte im Untergeschoss eine eigene Buchabteilung eröffnet werden, die bis heute ein wesentliches Element unseres Ladens ist. Wir konnten hier besonders im Bereich der anthroposophischen Literatur und im Kinder- und Jugendbuchbereich unsere Kernkompetenz aufbauen. Nicht nur Kunden holen sich gerade in Bezug auf Kinder- und Jugendbücher gerne Rat, sondern auch Verlage sind schon auf uns zugekommen, um unsere Meinung über neue Bücher in diesem Bereich einzuholen.

Ab 1997 wurde Kunst und Spiel von einem neuen Team geführt. Doch über all die Jahre hinweg wurde versucht, dem Anspruch des Begründers, Michael Peter, treu zu bleiben, den Menschen eine möglichst große Palette an schönen, hochwertigen und pädagogisch wertvollen Produkten unter unserem Dach anzubieten und dabei dem Vertrauen unserer Kunden gerecht zu werden, die sich darauf verlassen, bei uns Produkte aus guten, natürlichen Materialien zu erhalten, die solide und aus einer verantwortungsvollen Gesinnung heraus hergestellt werden und die ästhetisch und qualitativ herausragen. Immer war es unser Anliegen, dass Menschen sich in unserem Laden wohlfühlen, dass sie sich nicht nur beraten lassen, sondern dass sie sich hier inspirieren lassen, wenn sie gute Spielsachen, Kinder- und Jugendbücher suchen, ein schönes Geschenk machen möchten, hochwertige Bastel- und Handarbeitsartikel brauchen oder eine Erstlingsausstattung suchen.

Natürlich sind wir längst über die Pioniersituation der späten 50er Jahre hinaus, in der Michael Peter Kunst und Spiel, gegen den Zeitstrom anschwimmend, gegründet hat. Heute scheint es uns aus ganz anderen Gründen wieder entscheidend wichtig, uns gegen den Strom zu stellen. Denn im Zuge der Pisa-Debatte ist eine wahre Welle von gut gemeinten, jedoch in der Wirkung häufig fatalen Frühförderungsmaßnahmen in Gang gekommen, die das Kinderspiel massiv bedrohen. Da die Wichtigkeit von gutem, kindgerechten Spielzeug und des kindlichen Spiels überhaupt für die gesunde menschliche Entwicklung von jeher eines unserer größten Anliegen war, sehen wir eine zentrale Aufgabe darin, hier erneut Bewusstsein zu schaffen.

So bleibt der ursprüngliche Impuls aus dem Kunst und Spiel hervorgegangen ist, uns Verpflichtung und es ist unser Wunsch, ihn auch in Zukunft lebendig zu halten. Denn diesem Impuls, dem Schönen und Inhaltsvollen in der Welt Raum zu geben und es den Menschen zugänglich zu machen, verdanken wir es, dass Kunst und Spiel nicht nur ein beliebiger Laden ist, sondern ein Stück Lebensqualität zu vermitteln vermag.

In diesem Sinne freuen wir uns, mit Ihnen, unseren Kunden und Freunden zusammen, den Weg für die nächsten 50 Jahre Kunst und Spiel einzuschlagen.

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Aus einem Interview mit Michael Peter

FRAGE: Wie kamen Sie darauf, so etwas wie "Kunst und Spiel" zu machen?

MICHAEL PETER: Ich war ja 1956 dreißig Jahre alt und in meinem Leben war ein gewisser Endpunkt schon erreicht: denn ich sah aus gesundheitlichen Gründen auf musikalischem Gebiet damals kein Weiterkommen. Die Idee "Kunst und Spiel" stand mir an einem Tag im April 1956 im Ganzen vor Augen. Wenn ich heute zurückdenke, wird es wahrscheinlich auch eine Zusammenfassung von bestimmten Erlebnissen sein. Schon in meiner Kindheit hatte ich Bekanntschaft gemacht mit Firmen, die dann Lieferfirmen bei uns waren, wie z. B. die Firma Stockmar. Ich nehme an, dass irgendwie diese Erlebnisse meiner Kindheit und Jugend, auch der ganzen Kriegszeit und der Drang, mit Schönem tätig zu sein - dass dies in jener ungewissen Lebenssituation plötzlich zu der Idee von "Kunst und Spiel" geführt hat. Allerdings hieß ja die Idee damals noch nicht "Kunst und Spiel".

FRAGE: Können Sie das Zentrale dieser Idee noch genauer charakterisieren?

MICHAEL PETER: Das zentrale Anliegen war eigentlich, in einem Verkauf zusammenzufassen, was auf der ganzen Welt damals angeboten wurde als Produkte, die bestimmte Menschengruppen gerne haben wollten. Ich erlebte das in den Zeitschriften, wo alle diese Hersteller ihre Inserate veröffentlichten und Leiern, Kerzen oder Spielzeuge, Schmuck und Bücher anboten und ich hatte die Idee: Das müßte einmal zur Freude des Letztverbrauchers in einem Geschäft zusammengefaßt sein. Mir stand dieses Gesamtsortiment damals vor Augen.

FRAGE: Wie kam es nun zu dem Firmennamen "Kunst und Spiel"?

MICHAEL PETER: In den Nächten jener ersten Zeit habe ich immer, wenn ich meine Päckchen gepackt und auf die Post gefahren hatte, Briefe geschrieben, darunter auch ein Inserat für die Zeitschrift "Die Kommenden". Es war wohl sehr spät in der Nacht, denn ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich den Namen "Kunst und Spiel" erfunden hätte! Aber als das Inserat erschienen war, las ich dort "Kunst und Spiel". Und ich erkannte mit einem Schlag, das ist ein Name, der dieser Arbeit gerecht wird.

FRAGE: Eine Frage zu dem Schriftzug und dem Reiterchen von "Kunst und Spiel". Wer hat daran mitgewirkt, ab wann kam das Reiterchen?

MICHAEL PETER: In den ersten Jahren fand ich nicht gleich jemanden, der die graphische Gestaltung übernehmen konnte. Sehr bald stieß ich aber auf Walther Roggenkamp, der damals in Köngen bei Stuttgart lebte. Er hat, den Schriftzug für "Kunst und Spiel" entworfen.

FRAGE: Und wann entstand das Reiterchen?

MICHAEL PETER: Die genaue Jahreszahl habe ich nicht mehr im Kopf, aber es war wohl Anfang der 60er Jahre. Ich weiß nur noch, daß ich auf einer Fahrt in den Norden bei Köngen haltmachte, auf den Bauernhof zu Walther Roggenkamp ging und wir besprachen, dass ein spielendes Kind als eine Art Wahrzeichen für "Kunst und Spiel" schön wäre. Bei der Rückreise vereinbarte ich mit Walther Roggenkamp eine bestimmte Zeit, ich fuhr nur auf den naheliegenden Parkplatz; er kam über die Wiese und übergab mir den Entwurf mit dem spielenden Kind - das war die Geburt des Reiterchens.

FRAGE: Wie sah es 1959 in der Leopoldstraße aus, als Sie das heutige Ladengeschäft dort (in Haus Nr.48) eröffneten? War es eine gute Geschäftslage?

MICHAEL PETER: Als ich dort eingezogen bin, war die Leopoldstraße noch vom Krieg her sehr mitgenommen. Nicht alles war gepflastert, die Straße mit Löchern übersät. Lange Zeit war hier eine Schuttbahn gefahren. Die Schienen der Straßenbahn verliefen in der Mitte, die Gehsteige waren noch wie am Land. Das Haus, in dem das Geschäft lag, war erst neu errichtet und das dahinter liegende - das Haus der Anthroposophischen Gesellschaft - wurde im folgenden Jahr abgerissen und neu aufgebaut. So hatten wir eine ziemliche Baustellensituation. In den späten 60er Jahren wurde dann durch den U-Bahn-Bau die Leopoldstraße zu einer völligen Baustelle. Nur mühsam kamen wir mit dem Wagen bis zur Ladentür und auch die Kunden hatten einige Mühe, sich bis zum Geschäft durchzukämpfen.

FRAGE: Sie haben immer neue Ideen gehabt, wie man eine für gut befundene Sache bekannt machen, oder von einer neuen Seite angehen kann. Können Sie uns Beispiele aus den letzten drei Jahrzehnten nennen?

MICHAEL PETER: Ich hatte ja die Versandsache aufgegriffen, weil ich bemerkte, dass viele Kunden von "Kunst und Spiel" nicht aus München kamen und die Ware geschickt bekommen wollten. Nun hatte ich in manchen Städten Kunden, die mir immer wieder geschrieben hatten, aber es war mir klar, dass es zu wenige waren. So kam ich auf den Gedanken, dort hinzureisen und auch den anderen Freunden der Waldorf-Schulen die Dinge, die ich verkaufte, zu zeigen. So bin ich in den Jahren um 1960 durch viele deutsche Städte mit meinem VW-Bus gezogen. In ihm hatte ich die ganze Kollektion in Kartons verstaut. In den Schulen habe ich dann alles jeweils auf Tischen mit schönen blauen Tüchern aufgebaut und auch Aufträge entgegengenommen. Allerdings bestand in jenen Jahren das große Problem, dass wenn ich dann nach Hause kam und die Ware verschicken wollte, die Lieferfirmen nicht in der Lage waren, mich entsprechend zu beliefern. Dadurch hatte ich teilweise große Verluste. Denn der Aufwand war doch erheblich. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Die Hersteller von Spielzeug konnten z.B. zu Weihnachten nur ein beschränktes Kontingent von vielleicht zehn Schaukelpferden liefern; schon zwölf Stück wären unmöglich gewesen.

Das Werben war mehr eine ideelle Sache. Man hat sehr viel getan für die Verbreitung dieser Spielzeuge, konnte aber daraus zum damaligen Zeitpunkt noch kein Geschäft machen.

In München habe ich mich auf andere Weise bemüht. Als die erste Schwabinger Woche stattfand, die von recht vielen Menschen wahrgenommen wurde, war mir klar, dass ich etwas unternehmen mußte, um diese auf unser Schaufenster aufmerksam zu machen. So ließ ich eine Mitarbeiterin ins Schaufenster setzen, die dort batikte. Als ich feststellte, dass dies auch noch nichts half, weil die Menschen nicht kamen, haben wir uns anfangs selbst vor die Schaufenster gestellt und die Sachen angeschaut - und dann kamen sie. Das ging so weit, dass die Einfahrt blockiert war und der Hausherr protestierte wegen der vielen Menschen, die vor unserem Schaufenster standen.

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